Der Glanz der Bilder ist die Gewalt (Diagonale 2016)

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Eine Filmkritik von Florian Ribisch zu Der siebente Kontinent, Regie: Michael Haneke, AT 1989

 

 

Drei Jahre aus dem Leben einer Familie. Drei Ausschnitte und gleichzeitig drei Einschnitte in die Seele der Wohlstands- und Leistungsgesellschaft. In konsequent gefilmten Bildern fertigt Michael Haneke ein perfekt getroffenes, subtil gezeichnetes und psychologisch unangenehm erklärungs- und deutungsloses Abbild der modernen westlichen Konsumwelt an. Die emotionale Kälte, der berufliche Leistungs- und Aufstiegsdruck und der familiäre, soziale und gesellschaftliche Zwang nach Perfektion, nach Funktion, nach Leistung drücken sich dabei permanent über die Form des Filmes aus.

 

Der Film zeigt Alltagshandlungen, vermeintlich zweckmäßige, handlungsleere Gesten, die im Verlauf des Films immer wieder vorkommen und dabei kaum variieren.

Sie stehen einerseits als Metapher für die Irrelevanz und Bedeutungslosigkeit bei gleichzeitiger Dramatisierung der Geschehnisse durch die Massenmedien. Sensationsgier und Schaulust entsprechen dem Gestus der medialen Massenkultur. Nichtigkeiten werden aufgebauscht, Unnützes wird mit Bedeutung aufgeladen.

Andererseits verdeutlicht sich an diesen Gesten exemplarisch der soziale und familiäre Umgang miteinander, die mitmenschliche Kälte, die Trostlosigkeit jedes einzelnen Tages, die bleierne, ermüdende Routine.

Entfremdete und bezugslose Tätigkeiten bestimmen den Familienalltag. Die Interaktionen untereinander sind kalt und leblos und die sich wiederholenden Gesten vermitteln ein Gefühl der inneren Leere der Figuren, deren Leben lediglich aus einer Aneinanderreihung von eben solchen Gesten besteht.

Selbst die destruktiven Handlungen sind in ihrer Intensität und in ihrem monotonen Charakter eintönig und daher auch kein Akt des ausbrechenden Empfindens. Sie besitzen kein befreiendes Moment. Sie sind festgefahrene und unauslöschbare Muster einer unendlichen Repetition des Mittelmaßes.

 

Die Entfremdung der Figuren, ihre Indifferenz, das Absterben ihrer Gefühlswelt bis zur totalen Abstumpfung spiegelt den Ekel auf und die Überforderung durch die moderne Zivilisation und ihren Überfluss an Konsum wider.

 

Der streng durchkomponierte Rhythmus des Films ist durch die protokollartige, kommentarlose Anordnung der Bilder, die starre, unbewegliche Kamera und die Zäsuren durch Schwarzblenden gekennzeichnet. In mechanischer Manier zeigen gefühlskalte Bilder gefühlskalte Menschen und legen so Prozesse der Monotonie offen.

Die Eintönigkeit, die "Vergletscherung der Gefühle" findet nicht nur über die Figuren und die Handlung statt, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil über die Form des Films. Die Sterilität der oberflächlichen, unpersönlichen Bilder offenbart eine aus Werbefilmen bekannte Produkthaftigkeit.

 

Die ZuschauerInnen sind den Bildern ausgesetzt, sie können sich ohne die gewohnten Begründungen und Denkanweisungen nicht leicht zurechtfinden und werden somit aus ihrer Passivität geholt. Ein Denkprozess wird eingeleitet, da das menschliche Gehirn unweigerlich selbst nach Lösungen und Erklärungen sucht und die Geschichte im Kopf vervollständigt. Dieser Prozess ist anstrengend, verstörend und unangenehm. Aber auch ein probates Mittel, um den Film tiefer, lebhafter, schrecklicher im Bewusstsein des Publikums zu verankern.

 

Es ist ein Zeigen, ein Ausstellen einer Gesellschaftsform, die in ihrer Sprachlosigkeit und in ihrer Starre umso lauter und brutaler schreit. Vereinzelte leise Hilfeschreie sind in der Form von Momenten, die die Gefühlslosigkeit durchbrechen, zu vernehmen. Sie gehen jedoch unwiederbringlich in der Heftigkeit des fatalen Entschlusses unter. Die Vehemenz, mit der die langfristige, unbeirrbare Planung und konsequente Durchführung der Selbstauslöschung realisiert wird, erzeugt irritierende Momente.

 

Haneke portraitiert in diesem Film die bürgerliche Mittelschicht, deren Eingliederung in die Gesellschaft durch ihren beruflichen und finanziellen Aufstieg legitimiert wird. Reihenhaus, Auto, Kind, Beruf sind von dieser Gesellschaft vorgegebene, auferlegte Erwartungshaltungen deren strenge Einhaltung - alles muss perfekt, glatt und makellos sein - keinen Raum für Ausbrüche, keine Entfaltungsmöglichkeiten lässt. Abweichungen werden nicht toleriert. Die Familie hat zu funktionieren, wie man es auf den Bildern im Fernsehen oder in der Werbung sieht. In solch einer Welt gibt es nichts Subversives. Es ist ein Leben in leeren Hüllen.

Der Textabspann am Ende des Films unterstreicht die Art und Weise, wie in dieser "Hochglanz-Gesellschaft" mit tabuisierten Themen umgegangen wird. Die Großeltern glauben nicht an Selbstmord, ihr konsequenter Zweifel und Unglaube zeugen von der Verdrängung, deren wichtigste Prämisse die Erhaltung des Scheins ist.

 

In der Konsequenz, in der Finalität ihrer Handlungen, in ihrer unerklärten Absage an die Konsumgesellschaft sucht man als ZuseherIn verzweifelt nach Gründen und Anhaltspunkten für den Entschluss der Familie. Das Verlangen nach (Auf-)Lösungen, nach Erklärungen und Begründungen wird nicht befriedigt, die sehgewohnten Versprechen nicht eingehalten. Der Film verstört. Aus kaum einem anderen geht man schwermütiger, beunruhigter, bedrückter.