Das unlebbare Leben (Diagonale 2016)

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Eine Filmkritik von Ece Isil Sahin zu Der siebente Kontinent, Regie: Michael Haneke, AT 1989

 

 

Der Alltag einer bürgerlichen Kleinfamilie aus Linz ist geprägt von Ritualen und Pflichten. Gewissenhaft und scheinbar geduldig werden die täglichen gesellschaftlichen Anforderungen erfüllt. Aufstehen? Check. Duschen? Check. Man bereitet das Frühstück vor, weckt das Kind, geht zur Arbeit, macht den Einkauf und so weiter und so fort. Der in drei Teile gegliederte Film zeigt zunächst den Alltag von Anna, Georg und Evi im Jahre 1989, das Gleiche ein Jahr später im zweiten Teil. Im dritten Teil dann, wieder ein Jahr später, wendet sich die Handlung in eine völlig unerwartete Richtung.

 

Bis hierhin fehlen den Protagonisten jegliche Anzeichen von Empathie für ihre Mitmenschen. Mutter, Vater und Kind sind eigentlich nur ein Prototyp einer kleinbürgerlichen Familie an der beispielhaft ein Lehrstück vollführt werden soll – typisch Haneke. Zu Beginn verzichtet der Film auf jegliche Aufnahme der Gesichter der Protagonisten und so befällt den Zuschauer eine gewisse Erleichterung, wenn die Kamera sich langsam einen Weg nach oben, Richtung Mimik bahnt - immer auf der Suche nach Emotionen. Wenn die Mutter die Tür zum Kinderzimmer schließt nachdem sie die kleine Eva geweckt hat, verharrt der Blick der Kamera auf der Türklinke. Stille und Einsamkeit regieren das Bild. Nie länger als ein paar Sekunden bekommt sie die Wärme der Mutter zu spüren, deren Rationalität keine überschwängliche Zuwendung erlaubt. Und in diesem Sinne verfährt auch der Schnitt: episodenhaft steht nach jeder kürzeren Handlung ein Black. Viele kleine Stücke und Details sollen den Weg zum tödlichen Ende ebnen. So sucht man vergeblich nach einem Dialog, der dieses trostlose Dasein erklärt. Vielmehr Haneke überlässt es dem Zuschauer die Bilder zu deuten.

 

Ist es der Anblick der durch einen Autounfall tödlich verunglückten Leichen auf der Autobahn, das Schuldgefühl dem Kind nicht genug Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, oder einfach die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens, die ihnen tagtäglich bewusst wird, welche zum tragischen Ende führen? Selbst die kleine Eva sieht im gemeinsamen Selbstmord die einzige Hoffnung ihren Eltern nahe zu sein.

 

Akribisch und mit fast unerträglicher Geduld zerstört die Familie ihren ganzen Besitz. Es soll nichts überbleiben außer Schutt und Asche. Selbst vor den Fischen macht der Vater keinen Halt, und die Kamera – schonungslos – ebenso wenig. Bis zum bitteren Ende filmt sie das Zappeln und Winden der hilflosen Tiere.

 

Haneke zeichnet ein verstörendes Bild eines unmenschlichen Miteinanders, frei von zwischenmenschlichen Gefühlen, geschweige denn von der Fähigkeit miteinander zu kommunizieren. Die einzige Frage, die man sich stellt, ist, wie das tragische Ende hätte abgewendet werden können. Doch genauso wie der Film niemals Lösungen anbietet, kann auch diese Frage nur offen bleiben.