Das österreichische Gedächtnis (Diagonale 2016)

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Eine Filmkritik von Florian Ribisch zu Sturmjahre. Der Leidensweg Österreichs, Regie: Frank Ward Rossak, AT 1947

 

 

Der Film setzt zu einem pathetischen Höhenflug an. Berge, saftige Wiesen, Täler und Wälder. Ein Gedicht, die Schönheit der Natur besingend. Österreich als Hort der Unschuld. In dieser Natur leben ansehnliche, gute, ehrliche Menschen.

Sturmjahre - Der Leidensweg Österreichs erzählt die Geschichte dieses Landes in der Zeit kurz vor dem Anschluss an Deutschland bis nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Der Film verhandelt in einnehmenden Bildern die Schuldfrage bzw. die selbstauferlegte Opferrolle und erstmals auch die autonome Verständigung der österreichischen Geschichte durch das Medium Film.

 

Sturmjahre ist ein klassischer Überläuferfilm, indem er vor dem Krieg begonnen und nach dem Krieg beendet worden ist und deshalb viele Brüche sowohl im Material als auch in der Erzählung aufweist. Diese Brüche schreiben sich im Film fort. In collagenhafter Manier werden verschiedene Filmmaterialien und -formate zusammengefügt und in einen eigentümlichen Narrationsbogen gespannt. Die zwischen Archivmaterial und selbstgedrehten Szenen changierenden Aufnahmen appellieren an die Suggestivkraft der Bilder, die in der Montage eine opportunistische Anbiederung und eine verstärkte Bereitschaft der Zuschauer, die Geschichte für glaubhaft zu befinden ermöglicht. Die Anordnung des Materials trägt entscheidend zur Wahrnehmung des Filmes und zur Möglichkeit der (latenten) Beeinflussung bei. Durch den Schnitt und die Montage der verschiedenen Formate und Ebenen werden Inhalte aus ihrem ursprünglichen Kontext entrissen und den Bedürfnissen des Films entsprechend eingesetzt. Aus lose miteinander verwobenen Aufnahmen werden so stimmige, der Narration dienende Erzählstränge gebastelt, die den Zweck der Erzählung, die glaubwürdige Rechtfertigung des Opfermythos, erfüllen. Die Bild-, Sound- und Kommentarebenen sind penibel aufeinander abgestimmt und erwecken den überzeugenden Eindruck einer Stimmigkeit des Gezeigten. Auch die Dramaturgie des Films ist in ihrer Bild-Ton-Affirmation sehr eindeutig und zwingend durchkomponiert.

 

Der Film durchläuft in oft unter- oder überbelichteten Schwarz-Weiß-Bildern eine Entwicklung vom Naturpropaganda-Heimatfilm zum Trümmerfilm und weiter zum hoffnungsvollen Zukunftsfilm. Parallel dazu lässt sich der Narrationsbogen spannen. Österreich geht es gut, man genießt das Leben, ist fromm und übermütig, die Maschinen in den Fabriken laufen. Dann setzt die Wirtschaftskrise ein. Durch die Arbeitslosigkeit ist Österreich ein Nährboden für den aufkeimenden Nationalsozialismus, der die prekäre Lage ausnützt und Österreich wie eine Krankheit befällt. Die Bevölkerung, die sich gewiss bis zuletzt gegen Hitler gewehrt hat, wird unterjocht. Es folgen Krieg, Trümmer und Leid. Im Untergrund werden eifrig revolutionäre Pläne geschmiedet. Mithilfe der Alliierten, die sich, wie die restliche Welt übrigens, zu viel Zeit gelassen und die Not Österreichs feiernd ignoriert hat, wird das Land vom großen Übel befreit. Man setzt auf die Jugend, auf die Hoffnung. Es geht in eine positive Zukunft.

 

Spannende Momente tun sich auf, wenn die Narration plötzlich schwankt, vom Dokumentar- in den Spielfilm wechselt und die Erzählung auf eine individuellere Stufe verlagert wird. Es folgen emotionale Szenen von Einzelschicksalen, über die das Gesamtschicksal Österreichs anschaulicher und eindringlicher verhandelt und akzeptiert werden kann. Diese Szenen sind von überzeichneter und unlogischer Kommentar- und Schauspielführung geprägt und sollen das Leid und die Not, welche über die österreichische Bevölkerung hereingebrochen sind, zeigen. Mittels Empathie soll die Mitschuld entkräftet werden.

Oft kann man sich als Zuschauer des Eindrucks nicht erwehren, einen Tourismus-Werbefilm über Österreich und seine herrlich unberührten Landschaften zu sehen. Die Bevölkerung wird als eifrig, gewissenhaft und pflichtbewusst ihrer Arbeit nachgehend gezeigt, lebt aber ebenso ihre heitere und unbeschwerte Gemütlichkeit beim Heurigen aus. Diese oberflächliche und gefällige Ästhetik der Charakterzeichnung schafft es, jegliches in die Tiefe Gehen, jegliches Psychologisieren der Figuren und Hinterfragen der gesellschaftlichen Umstände zu verweigern und alles Schlechte auszuklammern. Paradigmatisch hierfür wird die Vernichtung von Baumaterial beklagt, die Vernichtung von "Menschenmaterial" in den Konzentrationslagern jedoch in keinem Satz erwähnt. Der Film ähnelt in seinem Charakter dem österreichischen Volk der Nachkriegsjahre. Er ist ein einziges Abstreifen, Auslassen, Nicht-Eingestehen, Wegblicken und Verschweigen. Die übertrieben positiv beschriebene Bevölkerung tritt als unwissende, passive Figur auf, die, von dem Bösen überfallen, in ihre Rolle gedrängt und somit von jeder Schuld befreit worden ist.

Der Film ist eine Erklärung, eine Verteidigung der Mittäterschaft, eine Aufforderung, Österreich schuldlos zu sprechen und als das erste Opfer des Nationalsozialismus zu akzeptieren. In ihm setzt sich der Versuch einer Filmgeschichtsschreibung und eines kollektiven Gedächtnisses eines Landes fest, der aus Einseitigkeiten und ausgewählt verzerrten Blickpunkten besteht.

 

Sturmjahre ist in seinem unkritischen Pathos der Selbstbeweihräucherung Österreichs ein unaufrichtiger Versuch einen Entwurf der Vergangenheit zu schaffen, der sich leichter aushalten lässt als die Konfrontation mit der Wahrheit.