Das Experiment ist die Abwesenheit von Menschen (Diagonale 2013)

Zurück zur Übersicht

 

Eine Filmkritik von Michael Weitz zu FORÊT D'EXPÉRIMENTATION, Regie: Michaela Grill, AT/CA 2012.

 

Ein Film steht nie alleine, er ist in ein Referenzsystem eingebettet, das sich wie neuronale Verbindungen ständig erweitert, Verknüpfungen schafft sowie Alte absterben lässt. Explizit lässt sich dies auf Filmfestivals beobachten, wo Kuratoren ihr Bestes geben, solch ein System sinnvoll aufzustellen. Die Personale Michaela Grill, Programm 2 im Rahmen der Diagonale 2013 stellt solch ein cineastisches Konglomerat dar, dass nicht experimental-versierte Kinobesucher schon nach dem zweiten Beitrag aufstehen und "Des is Kunst?"grummelnt den Saal verlassen lies. Ja, es ist zwangsweise Kunst, da auch ein umgedrehtes Pissoir mit nötiger Konnotation Kunst sein kann; Ob es als solche rezipiert wird, liegt aber im Auge des Betrachters.

 

Kingkong und my kingdom for a lullaby #2 waren gänzlich abstrakte Arbeiten, befreit von jeglicher Gegenständlichkeit. Suprematistische Ausformungen von bewegten Bildern, nicht jedem zugänglich gemacht. Mit Kilvo wollte man das Publikum anscheinend auf den folgenden Stilbruch vorbereiten, der gleich darauf mit FORÊT D'EXPÉRIMENTATION über den Zuseher einfällt. Wo in Kilvo noch vage imaginäre Plätze Lapplands beschrieben werden, so steht bei forêt am Beginn ein real existierendes Schild, welches den Wald als Experiment deklariert. Die Bilderflut ist ästhetisch aufgeladen, es scheinen Formen aus naturalistischen Vorlagen zu entstehen und in surrealistische Abgründe abzudriften. Die Montage, die auch Teil eines LSD-Trips sein könnte, scheint teilweise ohne Konzept den Rezipienten in einen 22-minütigen Trancezustand versetzten zu wollen, der auch gelingt. Der Frosch als Ikonografie der Waldbewohner löst hier schon leichtes Schmunzeln aus. Zu realistisch starrt er in die Kamera.

 

Grill erwähnt im Publikumsgespräch, drei Monate in jenem Gebiet in Kanada verbracht zu haben, um zu ergründen, warum es experimentell ist. Was veranlasst kanadische Behörden, dieses Schild aufzustellen? Das Experiment ist die Abwesenheit von Menschen, die Naturbelassenheit, das Nichteingreifen, der Kontrollverlust des Homo Sapiens. In unserer Bio- verseuchten Konsumlandschaft scheint das echte back to the roots an die Grenzen des menschlichen Verstandes zu stoßen; Vielen Dank Michaela Grill für diese Offenlegung. Dennoch muss hier mit einer polemischen Frage abgeschlossen werden: Warum dieses romantische Bild eines Waldsees am Schluss? Caspar David Friedrich hätte es nicht besser malen können. Blickt hier die Sehnsucht der Regisseurin zu jenem kanadischen forêt durch? Ist dies ein gerechtfertigter Abschluss? Sie entscheiden.