Briefmarken fischen als Lebensunterhalt (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Annabella Molnár zu Die toten Fische, Regie: Michael Synek, AT 1989.

 

Wie eine alte Schallplatte knistert die leere Tonspur während der Opening Credits. Die Zuschauer werden Zeugen der Filmgeschichte, als die Originalfilmrolle aus dem Jahr 1989 von Die toten Fische auf die Kinoleinwand projiziert wird. Das Schwarz so viele Fassetten haben kann und unterschiedliche Tiefen, sind wir aus dem Zeitalter der digitalen Projektion nicht mehr gewohnt.

 

Ein Mann paddelt langsam durch ein bewaldetes Gebiet und dicke Dunstschwaden. Jede Bewegung und jeder Paddelzug ist nun im Ton kristallklar zu hören. Bald wird erkenntlich, dass er in dieser Gegend auf der Suche nach Briefmarken ist und diese mit seinem halb kaputten Netz herausfischt. Wir begleiten ihn auf seinem beschwerlichen Weg zum Chef, um die Briefmarken abzugeben und den Lohn einzufordern und werden auf dem Weg über die Raffinessen und sadistischen menschenfeindlichen Zustände des fiktiven Regimes unterrichtet.

 

Jede Person im Film nützt ihre Machtposition denen gegenüber aus, die unter ihm stehen. So ist es dem Lokomotivführer möglich mit einem Knopf den Druck in den Wagons regulieren und die Menschen können deswegen nicht die Tür öffnen. Im Bahnhof werden schlafende Menschen mit einem Besen heraus gekehrt. Der Briefmarkenfischer muss körperliche Schmerzen durchstehen, um zu seinem Arbeitgeber zu gelangen. So steht das Haupttor unter Strom, in den Röhrenhallen trifft ihn von unten ein starker Wasserstrahl und die Klingel versengt ihm die Fingerkuppe. Er ist den gegenständlichen Angriffen, die ins System integriert sind, komplett ausgeliefert. Die Darstellung des sadistischen Regimes gleicht einer Parabel, die Funktionsweisen und Machstrukturen aufzeigt und auf viele real existierende Regime der Vergangenheit sowie der Zukunft übertragbar ist. Diese Parabel wurde von Boris Vian in der Kurzgeschichte Die Toten Fische verfasst, auf dem der Film beruht.

 

Der Protagonist beschließt in der Nacht seinen persönlichen Aufstand und den Mord an seinem Arbeitgeber. Währenddessen legt sich ein kleiner Junge zwischen seine Beine, was sich als äußerst unangenehmes, anstößiges und fragwürdiges Bild erweist. Das morbide Hobby des Chefs ist es, in der Nacht Ratten in der Kanalisation mit einem Wasserstrahl zu töten und sie danach präzise nebeneinander aufzureihen.

 

Dem Fischer jedoch wird seine Heldentat entrissen. Eine Frau verführt den Chef mit einer Pfefferschote und ihm platzt der Kopf. Die Verzweiflung über den Verlust seiner Heldentat treibt den Protagonisten dazu das Kind zu töten. Mit der Auflösung des Machtverhältnisses, beziehungsweise der Unterdrückung des Fischers durch den Arbeitgeber löst sich auch der Existenzsinn des Fischers auf. Wird er nicht länger unterdrückt, kann er sich gegen niemanden auflehnen.

 

Er begeht auf eine kuriose Weise Selbstmord. Er stößt zwei Pfähle in die Erde und befestigt ein Drahtseil dazwischen. Dann nimmt er Anlauf, um in seiner eigenen Konstruktion zu stolpern und in den See zu fallen, wo die Briefmarken ihn langsam zersetzen. Das Stolpern ist hier der zentrale Moment, denn seine gesamte Existenz bestand aus Hindernissen und Stolperfallen, deshalb nimmt er sich auf diese Weise das Leben. Diese letzte Szene erhält ihre Dramatik auch maßgeblich durch die kontrastreiche Beleuchtung. Die Spiegelung des Lichts und der Wellenbewegungen im See tanzen über sein Gesicht.

 

Der gesamte Film wurde technisch und ästhetisch auf sehr hohem Niveau produziert und dies macht ihn zu einem visuellen und akustischen Erlebnis. Die toten Fische ist ein Filmklassiker mit einer Thematik, der durch seine Parabelform nie an Aktualität verlieren wird und eine essenzielle Aussage beinhaltet. Der Film wurde aus privaten finanziellen Mitteln realisiert und verschwand von der Distributionsfläche, weil weitere Gelder für den Verleih und Filmkopien fehlten. Vielleicht besteht jetzt durch die Digitalisierung die Möglichkeit den Film in der allgemeinen Aufmerksamkeit zu verankern.