Behind (Hi)story – Ist Radax unzeitgemäß? (Diagonale 2012)

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Eine Filmkritik von Gloria Höckner zu Der Kopf des Vitus Bering, Regie: Ferry Radax, DE 1970.

 

"Was ist kann sich ändern, alles löst sich in Licht auf"

 

So wirr und assoziativ Ferry Radax Filme auf den ersten Blick auch wirken mögen, bei näherer Betrachtung, vor allem seiner Literaturverfilmungen und Künstlerportraits, erkennt man durchaus stringente Elemente und so etwas wie eine Narration – soweit es ein Experimentalfilm zulässt narrativ zu sein. Radax geht es um Entgrenzung und Verschiebung. Entgrenzung von Sprach- und Sinnkonstrukten mittels Ironie und Verfremdung; es geht um ein Verschieben dieser Sinn-Elemente durch Montage und Wiederholung, um sie zum Oszillieren zu bringen und in dieser Schwingung und Ausschweifung sich zu entgrenzen, sich in Licht aufzulösen, wie es die Sonne in Radax' Filmen Sonne halt! oder Konrad Bayer tut. Nun aber zu einer seiner Literaturverfilmungen, die gleichzeitig das Portrait des Vitus Beringist – jenem Herren, nachdem unter anderem die Beringstraße und das Beringmeer benannt sind.

 

Die historische Figur des Vitus Bering wurde 1965 von Konrad Bayer literarisch, und jene nun literarische Figur 1970 von Ferry Radax wiederum filmisch aufgegriffen. Alleine dadurch erfährt sie eine Doppelung, da Radax auf Bayers Text Der Kopf des Vitus Bering eingeht und nicht auf Vitus Berings Biographie. Wobei das, was sowohl Bayer als auch Radax tun, nichts anderes als ein Ein- und Umschreiben von Geschichte und somit ein kritischer Umgang damit ist. Ja, kritisch, denn diese Auffassung von Geschichte, die sich fragt: Was ist schon Geschichte? Wer erzählt sie? Welche Regeln gibt es, denen sie folgt und wer bestimmt diese? weiß um die Variabilität der Historie und spielt damit, sie anders aufzuladen. Oft reicht auch nur anders als gewohnt um die Logik ins wanken zu bringen und zu irritieren. Und diese Irritation verweist darauf, wie willkürlich Normen, Geschichte, Gesellschaft – alles was Menschen so als sinnhaft darbieten – sind. Unter kritisch verstehe ich hier, Identität, Biographien und was wir über diese wissen, was wir überhaupt wissen (auch in Bezug auf Wissenschaft) infrage zu stellen. Das spiegelt sich nicht nur in der Erzählform des Filmes wider, sondern ebenfalls im Verhältnis zu dem, was Identität sein soll oder besser sein kann. Auch auf dieser Ebene finden wir die zuvor angesprochene Doppelung und Auflösung. Realität und Fiktion sind gleichsam in die Figur eingeschrieben (sehr offensichtlich wird dieses Verhältnis in Radax' FilmCapri – Musik die sich entfernt(BRD 1984), in dem der Hauptcharakter Personen oder Geistern aus der Vergangenheit begegnet, die im nächsten Moment Menschen seiner realen Gegenwart sind). Wie weit Vitus Bering an seiner Geschichtsschreibung beteiligt war, wie weit seine Selbstinszenierung greift, können wir nicht mehr sagen. Radax inszeniert ihn ganz allein auf einem Schiff (vermutlich auf einer Expedition) in schwarzem Mantel und Hut. Parallel dazu gibt es die Erzählung über ihn, die von einem Piraten-Radiosender übertragen wird. Hier machen wir die diegetische Realität oder Gegenwart des Filmes fest, im Tonstudio jenes Senders, das sich wohlgemerkt auf einem Polarschiff befindet. Auf der Homepage des Filmemachers wird die Story so beschrieben:

 

"Auf Hoher See berichtet der Texter und Moderator (Jürgen Becker Anm.) eines 'Piratensenders' über den Seefahrer & Abenteurer Vitus Bering, Entdecker der nach ihm benannten 'Bering Straße'. Anhand von experimentellen Texten von Konrad Bayer, entschlüsselt er die Hintergründe dieser frühen Forschungsreise, ja erweitert sie mit Bayers lexikalischen Angaben über 'Epilepsie' bis 'Kannibalismus'. Angetörnt von poppiger  Musik, Kaffee & Zigarren, verwandelt der Moderator sich selbst in Bayers Figuren, bis zum Skelett eines Gorillas. Am Schluss flüchtet er in unsinkbarem Rettungsboot."

 

 

Auf dem Polarschiff

 

Jürgen Becker kündigt Konrad Bayers Stimme an, die Textfragmente von DerKopfdesVitusBering wiedergibt, er weist auf all die technischen Geräte hin, die er zur Verfügung hat und legt Platten auf, die teilweise als Hintergrundmusik zu hören sind. Gleichsam werden Textpassagen eingeblendet, die, während Bayers Stimme sie rezitiert, hervorgehoben werden oder Sätze beenden. So hört man beispielsweise: "Sein Gesicht wurde langsam" und eingeblendet wird am Ende das Wort "BLAU".

Das Herzeigen der Technik kann als Verweis auf die Gemachtheit und Produktion von Geschichte gelesen werden. Dieses Element findet sich auch in anderen Filmen von Ferry Radax wieder, so zum Beispiel in dem Künstlerportrait über H.C. Artmann, wo das Filmteam sichtbar wird und mit ihm ein Teil des Herstellungsprozesses des Films.

Wir sehen auch, wie das Tonbandgerät bedient wird, aus dem Bayers Stimme tönt. Es wird vor- und zurückgespult, Stellen wiederholen sich oder werden unzusammenhängend miteinander verbunden. Auch so könnte man diese Geschichte erzählen. Die Geschichte ist aufgenommen worden und so von Zeit und Ort gelöst; Sie kann nicht nur jederzeit reproduziert, sondern auch fragmentiert und zerstückelt werden. Der Erzähler ist nun jener, der die Knöpfe bedient. Und das ist in letzter Instanz Ferry Radax, der den Film in dem für ihn typischen Montageverfahren zusammenschneidet. Er begegnet uns aber nicht als Obrigkeitsinstanz oder allwissender Erzähler, sondern stellt seine Vorgangsweise aus, wird sichtbar und verweigert uns die Möglichkeit, in der Fiktion zu versinken. Der Zuseher/die Zuseherin muss mitdenken, kann nicht sich selbst und die Welt um sich herum vergessen, wird beansprucht und gefordert.

Warum aber ist Radax behind (hi)story oder gar unzeitgemäß?

 

"Unzeitgemäß. – das heisst gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden Zeit – zu wirken." (Nietzsche)

 

Denken wir nun an den Film über und mit H.C. Artmann, der sich selbst spielend in der Rolle des Dichterfürsten auftritt. Er wird zur Projektion seiner Texte, er selbst nur Inszenierung seiner selbst, wird absorbiert von den ihn umgebenden Charakteren seiner Geschichten, die Wirklichkeit erfährt eine Doppelung, die Erzählebenen ebenso. Die Schichtung der Erzählung korrespondiert mit der Überlagerung von Erzähler und Erzähltem. Das Filmteam wird im Film gezeigt, der Autor im Werk, auch Radax ist in seinen Filmen immer auf die eine oder andere Art sichtbar. Die Geschichte ist immer jemandes Geschichte und dieser wird wiederum selbst Teil davon, wird von ihr aufgesaugt und somit seiner Autorenschaft beraubt. Sie ist es, die sich selbst erzählt und ihn, im Falle Artmanns der zum Dichterfürsten wird, mit inszeniert. Radax aber macht als Autor einen Knick in diese vermeintliche Geschlossenheit und verweist auf sich als denjenigen, der dahinter steckt.

Sich gegen die Zeit zu wenden bedeutet hier, die Narration ad absurdum zu führen, sie jemandem einzuschreiben, umzuschreiben, zu schichten und zu quetschen, bis sie woanders hervorquillt, zuerst im Kopf des Vitus Bering, dann im Kopf des Moderators Jürgen Becker und zuletzt in den ZuseherInnen.