Aus dem Auto, aus dem Sinn (Diagonale 2013)

Zurück zur Übersicht

 

Eine Filmkritik von Stefan Schweigler zu Parking, Regie: Josef Dabernig, AT 2003.

 

Stehen Blockbuster aus großen Produktionsimperien zur Diskussion, so geschieht es heute nicht selten, dass diese hinsichtlich tradierter männlich-heteronormativer Realismen befragt werden. Schnell wird zuweilen durchschaut, dass etwa wieder ein Wirklichkeitsentwurf eines maskulinen Apparatus mit heterosexueller Orientierung zelebriert ist. Zunehmend heikler verhält es sich, je näher der besprochene Film am Terrain des etikettierten Nischenprogramms, des Kunstfilms, des Experimentalfilms mit studiertem Arsch, des neuerdings begrifflich eingeschleusten "innovativen Kinos" anzusiedeln ist.

 

Dabernig hat da z.B. etwas ausprobiert: Zwei Männer fahren mit dem Auto, parken am Rand einer viel befahrenen Straße, ziehen sich bereits im Auto wortlos aus; und dann ein bisschen Bondage hinter einem Busch; und dann wieder ins Auto; sich anziehen; zwischendurch einige Blicke auf die Schnellstraße; und dann ist der Film aus. Offene Formen, extreme Overshoulders und Überperspektiven, schwarz-weißes Analogmaterial im Jahr 2003, skurrile Uneinigkeit von Bild- und Tonebene, befremdlich maschinell agierende Schauspieler etc. – derlei befriedigt für die RezipientInnen von Dabernig-Filmen Funktionsdominanten wie Unterhaltung, Zerstreuung oder intellektuelle Herausforderung, aber generiert neben vielen anderen Wahrnehmungsangeboten für qualitative Kategorien auch ein fast unsichtbares Nebenprodukt: ein starkes Immunsystem gegenüber Kritik.

 

In Rezensionen zu Parking wird die Dabernigsche "Bedeutungsarmut" lobend als Prädikat genannt. Das Ganze ist so schlecht, dass man sagen soll, es sei schon wieder gut, so indifferent und zugleich so kunstig, dass es nicht genügend Beweise liefertet, um etwa einen heterosexistischen Witz zu überführen. Dabernigs Understatement: Es gehe bei diesem Film um eine Auseinandersetzung mit absurden Momenten der "Auto-Erotik".

 

Dass der filmformalistische Werte verkörpernde Familienvater selbst einen der beiden Sadomasochisten spielt, macht den Film um nichts saver und um nichts mutiger. Es ist stattdessen nur noch einmal richtig Öl im Feuer seiner Anmaßung. Denn hinter einem Schleier scholastischer, nur an der Form interessierter Experimentiertechnik verbreitet der machoide Filmblick ohne falsche Bescheidenheit begrenzte und klischeehafte Images von schwulen Fetischen und Sexualpraktiken. Und es gibt zweifelsohne Männer, die machen ziemlich genau das, was Dabernig in Parking zeigt. Doch mit seiner spezifischen Darstellung von schwuler "Auto-Erotik" stellt sich Dabernig auf fragwürdige Weise in eine Tradition unreflektierten Karikierens des Anderen und Fremden – das Nicht-Weiße, das Animalische, hier das Nicht-Heterosexuelle ist immer für einen Lacher gut und eignet sich vor allem für ein bestimmtes Format: die Freakshow.

 

Dabernigs Xenotopien dokumentieren seinen bildungsbürgerlich-touristisch aneignenden Blick nicht nur auf fremde Orte, sondern ebenso auf fremde gesellschaftliche Randphänomene. Ob er sich nun die Ästhetik von im Verfall begriffener, modernistischer Ostarchitektur oder die strenge Ritualität von Autobahnparkplatz-Erotik zum filmischen Gegenstand macht, sein Gestus erinnert an ethnologische Studien zur Zeit ihrer Institutionalisierung: Das Fremde wird mit männlich-westlicher Erzähltechnik und Geisteshaltung photographiert und arrangiert, eine romantische Tristesse wird dabei inszenatorisch herausgearbeitet und plakativ ausgestellt, kleine Absurditäten und Unvertrautheiten werden ironisiert und für ihre Belächelung aufbereitet.

 

Da es sich dabei aber um eine Freakshow in der Manier "innovativen Kinos" handelt, und da das solche hervorragende Immunitäten hat, lassen sich diese Überlegungen freilich salopp für bloße Interpretation abtun. Am Ende darf man selbst entscheiden: Unschuldige Materialstudie oder Wolf im Schafspelz?